Leseprobe Visionen

Prolog

»Mr. Andrews, es erfreut mich sehr, dass Sie meiner Einladung, hier in den Buckingham Palast zu kommen, gefolgt sind. Bitte nehmen Sie doch Platz.« Königin Victoria wirkte müde als sie mich begrüßte. Mir schien, als wäre sie mit ihren Gedanken abwesend. »Eure königliche Hoheit, es ist mir eine besondere Ehre! Bitte verraten Sie mir, warum Sie mich hergebeten haben.« »Nun, Mr. Andrews, meine Kundschafter haben mir mitgeteilt, dass Sie und Inspector Barnes ihn finden konnten! Es ist ein beruhigendes Gefühl, dass die Straßen Londons wieder sicherer geworden sind. Das Empire hat Ihnen viel zu verdanken.«
»Es ist dem Scharfsinn Inspector Barnes’ zu verdanken, dass wir es geschafft haben, den Fall in der Tat sehr frühzeitig aufzuklären«, erwiderte ich. Die Königin stand auf und ging mit andächtigen Schritten auf mich zu. Sie war schlicht aber elegant gekleidet. Sie wirkte so menschlich, fast verletzlich und doch so unnahbar. »Mr. Andrews, ist es richtig, dass Inspector Edward Barnes übersinnliche Fähigkeiten hat?«
»Eure königliche Hoheit, der Inspector arbeitet auf seine eigene unerklärliche Weise an den ihm übertragenen Fällen. Man nimmt an, er gehe einer Art Bestimmung nach. Barnes vernimmt Stimmen und Visionen aus dem Schattenreich. Seit längerer Zeit ist Absinth sein stetiger Begleiter; Wermut und Laudanum verursachen bei ihm irreale Wahrnehmungen. Sie dienen anscheinend dafür, sich in andere Ebenen des eigenen Bewusstseins zu versetzen. Hinzu kommt, dass er dem Genuss von Opium nicht abgeneigt ist. Es sind Eindrücke fremder Welten und sonderbarer Wesen, die sich ihm dadurch offenbaren. Sie sind es, die ihm den Weg in unerklärliche Abgründe weisen.«
»Mr. Andrews, diese Tat hat eine nicht erklärliche Faszination auf mich. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen – ich interessiere mich für die menschliche Psyche. Es taten sich sonderliche Dinge auf. Ich bitte Sie, erzählen Sie mir das Erlebte von Anfang an!«
»Eure Hoheit, es ist mir sicherlich eine Freude, Ihnen von der Aufklärung und den Tatsachen dieses Falles zu berichten; doch bin ich mir nicht sicher, ob Sie die schockierenden Fakten erfahren wollen. Diese Morde waren von so einer Leidenschaft und Hingabe geprägt, dass es schwerfällt, dem Täter keinen Respekt abzuverlangen.«
»Mr. Andrews, ich bin die Herrscherin über das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland und Kaiserin von Indien, meinen Sie nicht, dass ich schockierende Erlebnisse oder Berichte gewohnt bin?« »In der Tat, Eure königliche Hoheit, verzeihen Sie diese Anmaßung. Nur muss ich Sie dennoch vorher warnen. Sie werden Dinge aus Ihrem Parlament erfahren, die beängstigend sind.«
»Beginnen Sie!«

Eins

Es war eine schaurig unheimliche Nacht, als ich mit Chief Inspector Richard Brighton durch die verlassenen Straßen des nächtlichen Londons ging. Es war das erste Mal, dass ich bei Ermittlungen dabei sein durfte. Um diese nachtschlafen­ de Zeit schwebte der Nebel wie von Geisterhand gehalten über den Pflastersteinen. Der Weg führte uns in das Armen­viertel Whitechapel.
Sie wissen ja, dass dies ein Teil des Londoner East Ends ist. Das Existieren an diesem Ort ist nach wie vor von keiner Freu­de gezeichnet. Die Abgase der Industrie und der Arbeiten im Hafen machen die Gegend weniger lebenswert. Viel zu viele suchen hier eine Arbeit, doch die meisten von ihnen werden enttäuscht. Auf Grund mangelnder Aufträge und zu hohen Konkurrenzdrucks durch die Fabriken in Nordengland mussten viele Firmen schließen. Nun leben hier immer mehr Menschen der Londoner Unterschicht.
Die ehrbaren Bürger schliefen bereits und die Gaslaternen flimmerten nur noch schwach in der Dunkelheit. Nach einer mir schier unendlich vorkommenden Zeit erreichten wir unser Ziel. Durch das matte Licht erkannte ich Silhouetten zahlreicher Bettler und kranker Menschen, die am Straßen­ rand saßen und unter Hungersnot litten.
Doch an diesem Tag interessierte mich das alles nicht. Die einzige Möglichkeit, nicht angesprochen zu werden, ist, diese Randgestalten zu ignorieren, wegzusehen. Es ist ein beklemmendes Gefühl, dies wahrzunehmen. Ich gebe zu, dass meine Arbeit als Journalist bei der Times of London mich hat abstumpfen lassen; auch wenn ich nach wie vor Mitleid für diese Kreaturen empfinde.
Einige der armen Wesen boten sich für wenig Geld an. Es waren Dirnen und Bordsteinschwalben, denen keiner mehr helfen konnte. Sie waren bereit, ihre Seelen zu verkaufen und versprachen mir, all meine Wünsche zu erfüllen. Wenn mir diese Anmerkung gestattet sei, Eure Hoheit, ich denke, hier herrscht Handlungsbedarf. Das Volk benötigt Ihre Hilfe. Aber ich fahre fort. Unser Ziel war eine Opiumhöhle in einer kleinen Seiten­ straße der Whitechapel High Street. Von außen betrachtet wirkte sie sehr unscheinbar und dennoch geheimnisvoll. Ich war neugierig was mich erwartete.
Als wir sie betraten, vernahm ich den vornehmen Geruch von Sandelholz. Chief Inspector Brighton wurde zugleich vom Besitzer Li Chu empfangen: »Ich habe diesen Monat schon bezahlt!« Ich war verwundert, schien mir Bestechung doch zumindest in der neuen Polizei noch nicht vertreten. »Deswegen sind wir nicht hier, wo ist er?«, erwiderte Brighton mit tiefer Stimme. »Gehen Sie den Gang bis nach hinten durch, ehrenwerte Herren, dort finden Sie ihn; aber bitte nehmen Sie Rücksicht auf meine anderen Gäste, diese wollen ungestört sein«, antwortete der eingeschüchterte Li Chu.
Wir gingen einen schmalen Gang entlang und kamen an einem großen Salon vorbei. In der Mitte dieses Raumes befand sich ein großer, runder Holztisch mit kurzen, schmalen Tischbeinen. »Solche Tische scheinen in Japan normal zu sein«, spottete der Chief Inspector. »Das ist nichts für meine alten Knochen!«
Auf dem Tisch lagen zwei nackte asiatische Schönheiten. Große Tattoos zierten ihre Rücken. Das Motiv war bei beiden das gleiche, ein buntgeschmückter, furchterregender Drache. Drachen haben in der Mythologie eine besondere Bedeu­ tung erhalten. Sie verleihen dem Träger, dem Drachen­ zähmer, Schutz und zeigen seine vorhandene Stärke. Es faszinierte mich, die beiden zu beobachten. Der ganze Raum wies eine besondere magische Atmosphäre auf. Der Rauch tat sein Übliches. Die Frauen wurden von zwei älteren Herr­ schaften lustvoll massiert. Es ist mir höchst unangenehm, Ih­ nen mitzuteilen, dass es sich bei den beiden Herren um zwei Mitglieder des englischen Parlaments handelte.
Richard Brighton begab sich mit mir in einen gesondert abgetrennten Raum. Dort fanden wir den gesuchten Inspector Edward Barnes. Er wirkte ruhig und friedlich. Es schien, als befände sich sein Geist auf einer weiten Reise. Er lag auf einer kleinen Pritsche, neben ihm stand ein Glas Absinth. Seine Opiumpfeife hielt er noch locker in seiner Hand.
Der Chief Inspector nahm einen Eimer Wasser und schüttete es dem Inspector über den Kopf. Zwischenzeitlich sprach er zu mir in einer bestimmenden Art: »Bitte ignorieren Sie Mr. Barnes’ Opiumsucht. Der Rauch ist ein Teil seiner Selbst geworden.« Ich nickte verlegen, da ich mich an diese Begebenheit erst gewöhnen musste.
Brighton wandte sich zu Inspector Barnes. »Eines Tages wird Sie das Zeug noch umbringen!« Der Inspector bewegte sich langsam und flüsterte: »Ich bin schon tot!« Er war sich seiner Sache sicher. »Es wurde ein Mann umgebracht, nicht wahr?«, wollte Barnes wissen. »Das ist richtig, es war jemand aus dem englischen Parlament«, erwiderte Brighton. Ich erschrak. »Woher wissen Sie das, Inspector? Sogar ich habe den Toten noch nicht gesehen!« »Es sind meine Visionen, die alles offenbaren«, erklärte der Inspector. »Brighton! Wer ist dieser Mann?« »Mein Name ist William Andrews und ich bin Ihnen von nun an durch die königliche Hoheit unterstellt. Aber ich denke es wäre besser, das zu einem späteren Zeit­punkt zu erklären.«
Barnes schwieg für einen Moment. Man spürte ihm sein Unbehagen deutlich an. Dann blickte er zu Brighton: »Ein Parlamentarier, das wird sicherlich einige Unruhen mit sich bringen. Weiß man schon Genaueres?« In diesem Moment wirkte Richard Brighton in sich gekehrt. »Chief Inspector, geht es Ihnen nicht gut?«, fragte ich besorgt. »Sie sind gerade so blass im Gesicht geworden. Es wirkt, als wären Sie dem Gevatter in diesem Augenblick persönlich begegnet.«
Brighton musste sich sammeln und wirkte nachdenklich. Er atmete tief durch und erklärte uns folgend seine Gedan­ken. »Nein, es ist vielmehr die Art und Weise, wie der Parlamentarier Matthew Clarks ermordet wurde, die mich belastet. Seine Kehle wurde wahrscheinlich mit einem Messer aufgeschnitten. Es scheint, als sei er nicht sofort gestorben! Durch diesen Umstand wird er in seinem Kampf mit dem Schatten­ mann noch immense Schmerzen ertragen haben müssen.« »Eine grauenhafte Art zu sterben«, warf ich in den Raum. Inspector Barnes wollte aufstehen, doch schaffte es nicht, seine Beine zu koordinieren. Er fiel auf die Knie. »Geben Sie mir bitte noch einen kleinen Atemzug. Es war eine anstrengen­de Reise.« Ich wollte ihm aufhelfen, doch der Inspector vermochte die Hilfe nicht anzunehmen. »Es geht schon!«, signalisierte er mit bestimmendem Tonfall und richtete sich mühevoll auf. »Lassen Sie uns zum Tatort fahren!«